Schein und Sein...
Dieser Tage gab mir eine wohlmeinende Kollegin, die der Meinung ist, ich sei ein Workoholic und müsse meinen Lebensstil unbedingt schnellstens ändern (womit sie zweifelsohne Recht hat), dieses Zitat:
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Georg Büchner: Ein Glückstraum
"... wir lassen alle Uhren
zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur
nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das
Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im
Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren, und wir das ganze Jahr
zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeern stecken. |
Nun, mir wollte nicht so recht einleuchten, dass Georg Büchner in seinen Werken zum Müßiggang aufgerufen haben sollte, und forschte nach. Schnell fand ich heraus, dass das angegebene Zitat ein Auszug aus "Leonce und Lena" war. Sie werden nun sicher sagen, dass ich als "Pauker" das ja eigentlich auch hätte wissen müssen. Sicher, aber zu meinen Unterrichtsfächern gehört nicht die Germanistik. Das sei zu meiner Entschuldigung hier angeführt...
Jedenfalls sieht das Zitat im Original-Zusammenhang schon ein wenig anders aus, nämlich so:
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Leonce: ...aber ich weiß besser
was du willst: wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten
und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und
Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es
keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri
hinaufdestillieren, und wir das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen,
zwischen Orangen und Lorbeern stecken. |
Es sind also zwei Personen, die hier sprechen. Ich konnte mich einfach der Versuchung nicht entziehen, hier Büchner als Sozialkritiker zu sehen, der an dieser Stelle den Müßiggang und den Lebensstil des Adels bzw. der Oberschicht ganz allgemein ironischer Weise aufs Korn nimmt.
Eine weitere Nachforschung in der Literatur nun brachte Folgendes zu Tage:
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Leonce und Lena Eine Geschichte ohne Moral,
allerdings keine amoralische Geschichte, so könnte das Lustspiel Leonce
und Lena charakterisiert werden, wenn es denn überhaupt eine Geschichte
enthielte. Doch es fällt schwer, das Wenige an Handlung – den Versuch der
Titelhelden, vor der festgelegten Hochzeit zu fliehen, und das 'zufällige'
Zustandekommen ihrer Verbindung – als bedeutungstragenden Inhalt
anzusehen; vielmehr scheint dieser plot eine geradezu notdürftige
Konstruktion zu sein, deren tieferer Sinn sich darin erschöpft, das
Auftreten der Figuren nach traditionellem Theaterverständnis zu
legitimieren.
Quelle: Georg Büchner, Leonce und Lena: Zum Werk. In: Bibliothek X·libris: Georg Büchner, CD-ROM. München 1996. Seite 1 - 6. |
Ich denke, es bedarf keiner weitere Erklärungen, der X-libirs-Auszug spricht wohl für sich. Somit ist einmal mehr bewiesen, es ist noch lange nicht alles so, wie es zunächst scheint. Oder: Traue keinem Zitat, bis du es im Zusammenhang gelesen hast.
In diesem Sinne wünsche ich dir, liebe Leserin, lieber Leser, weiterhin fröhliches Surfen...
Frithjof Meißner, im Juli 2004